J.Sintax

J.Sintax

Follow
Shared Frame

Shared Frame

Follow

Collapse

Am Montag, den 11. Januar 2016, konnte Madaya - ein Ort in den Bergen Syriens, in der Nähe der libanesischen Grenze - endlich wieder aufatmen und erhielt etwas Hoffnung. Etwa fünfzig UN- und Rotes-Kreuz-Lastwagen treffen mit Lebensmitteln ein. Das letzte Mal, dass dieser von syrischen Truppen besetzte Ort humanitäre Hilfe erhalten hatte, war am 18. Oktober des Vorjahres. Nach diesem Datum versuchen die 40.000 Seelen Madayas zu überleben. Laut Ärzte ohne Grenzen sind bereits 28 Menschen an Hunger gestorben. Bassel ist seit zwei Jahren in Madaya. Davor lebte er in Zabadani, nicht weit entfernt. Die Stadt war von der Hisbollah-Miliz und der syrischen Armee eingekesselt und ironischerweise war er von dort nach Madaya geflüchtet. Belagerung ist die bevorzugte Strategie des Regimes, sowie der Rebellen. Dies ist der Fall in Madaya und Zabadani, einer mehrheitlich sunnitischen Stadt im ländlichen Umland von Damaskus.

Bassel berichtet von den schrecklichen Lebensbedingungen und dem Hunger, den er und seine Nachbarn erlitten hatten, und von der Hoffnung, dass er wiedergeboren wurde, als das Essen kam. Gott sei Dank habe ich es geschafft, meine Frau und meine Kinder im September über den Libanon nach Deutschland zu schaffen. , sagt der etwa 40-jährige Mann. Um seine Familie aus der Hölle zu holen, zahlte er $700 pro Person. Danach waren die Schlepper nicht mehr auffindbar und er selbst saß in Madaya fest. Heute ist Madaya eine Hölle. Bassel erinnert sich, dass es stattdessen ein irdisches Paradies war. Madaya wird seit zwei Jahren belagert. , sagt Bassel und fügt hinzu, dass sich der Würgegriff seit etwa sechs Monaten zuzieht. Zusätzlich zur Blockade ist die Stadt Ziel von Fassbomben, die von Flugzeugen abgeworfen werden. Laut Bassel belagert die Armee die Stadt, um die Einwohner zu brechen. Als sie sich dem Regime verwehrten, wollte es sie unterwerfen. Die Parolen sind bekannt: Entweder ihr akzeptiert Assad oder wir brennen alles nieder. Bassel berichtet, dass etwa sechzig Familien am Montag zu einem obligatorischen Checkpoint der syrischen Armee gegangen waren, um die Stadt zu verlassen. Aber die meisten wurden von den Soldaten aufgehalten und mussten umkehren. Eine schwangere Frau bat darum, sie für die Geburt nach Damaskus gehen zu lassen und sie antworteten: Geh, um Rebellen zur Welt zu bringen! Das sind die Jungs von Foua gegen die von Madaya! Bassel berichtet, dass etwa sechzig Familien am Montag zu einem obligatorischen Checkpoint der syrischen Armee gegangen waren, um die Stadt zu verlassen. Aber die meisten wurden von den Soldaten aufgehalten und mussten umkehren. Eine schwangere Frau bat darum, sie für die Geburt nach Damaskus gehen zu lassen und sie antworteten: Geh, um Rebellen zur Welt zu bringen! Das sind die Jungs von Foua gegen die von Madaya! Als Mahlzeit begnügt sich Bassel mit etwas gekochtem Wasser mit Pfeffer. Er beteuert, dass es Möglichkeiten gibt, Nahrung zu bekommen: Die Männer der Hisbollah haben einen Tauschhandel-Schwarzmarkt aufgebaut mit den Nahrungsvorräten, die sie im Oktober von der UNO übernommen hatten. Der Hunger hinterlässt körperliche Spuren. Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich mich nicht. Mein Gesicht ist so schmal... Ich trage mehrere Hosen übereinander, um die Magerkeit zu verbergen. Bassel bezeugt, dass er verhungernde Menschen gesehen hat. Einen habe ich fotografiert. Sein Name war Abou Nabil. Sein Sohn ist auch tot. Gestern starb ein Mann aus der Familie Zein. Wenn auch die Bilder aus Madaya internationale Empörung ausgelöst haben, stellen viele die Schwere der gegenwärtigen Situation in Frage. Ich habe immer mit meinen Bildern festgehalten, was vor sich ging - aber niemand wollte es sehen. Sie glauben, wir machen Witze, dass hier niemand hungert. Ich hoffe, dass diese Leute, die die Realität nicht sehen wollen, eines Tages aufwachen. Eines Tages sagte mir ein Kind: Vielleicht sollten wir uns an die Tierschutzgesellschaft wenden... Vielleicht interessieren sie sich für unser Schicksal, da wir wie Hunde behandelt werden! Da Bassel allein ist, erhält er eine halbe Nahrungsration.

Syria

Er hat aus der Vergangenheit gelernt und weiß, dass er nichts verschwenden darf. Er sagt: Ich werde meine Mahlzeiten so weit wie möglich rationieren - ein Glas Zutaten täglich. Das letzte Mal als Hilfe durchkam, hatten sie uns eine zweite Lieferung versprochen, aber sie kam nie an. Gestern haben sie uns versprochen, dass am Donnerstag eine zweite Lieferung eintreffen wird, aber ich riskiere es lieber nicht. Heute essen wir, aber morgen werden wir wieder hungern. Im Februar war es Bassel gelungen, der belagerten Stadt Madaya zu entkommen. Er befand sich im libanesischen Békaa und erzählte uns im März, wie er hoffte, seine Familie in Deutschland zu erreichen. Fünf Monate später sieht Bassel immer noch nicht das Ende des Tunnels. Bassel und seine Familie hatten mehr Glück als viele ihrer Nachbarn, die in diesem Geisterort am Rande von Damaskus an Kälte, Hunger oder mangelnder Gesundheitsversorgung gestorben sind. Seine Familie erreichte Deutschland, er aber blieb zurück. Bassel leidet auch körperlich: Rückenschmerzen halten an. Vor Beginn der syrischen Revolution von 2011 war ich ab dem Jahr 2000 vier Jahre im Gefängnis. Ich war im Saydnaya-Gefängnis, wo ich foltert wurde. Ein Militärgericht verurteilte mich wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen religiösen Organisation zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. Die Takfir wal Hijra-Bewegung ist ein Zweig der 1970 gegründeten Muslimbruderschaft. Diese Behauptung ist fabriziert und nicht wahr. Bassel war bis 2011 auch seiner Bürgerrechte beraubt worden. Der Krieg brach aus und ich konnte nicht bei den syrischen Behörden vorstellig werden, um meine Bürgerrechte in Anspruch zu nehmen. Warum passiert uns das alles? Warum sind wir von der Welt aufgegeben worden? ruft Bassel aus. Er wirft den Rebellen - die er selbst als Partisane unterstützt - Uneinigkeit vor im Kampf gegen das Regime. Die härtesten Worte hat er jedoch für das syrische Regime: Uns bleibt nur die Wahl zwischen Hunger und Unterwerfung. Unter diesen Lebensbedingungen seien einige Einwohner vor dem Regime eingeknickt: Viele Leute haben sich der Armee von Bashar angeschlossen. , sagt Bassel. Als ich sie fragte ‘Warum?’, haben sie mir geantwortet: ‘Was erwartest du von uns? Entweder machen wir das, oder unsere Kinder werden an Hunger sterben.’ Am 18. Februar erklärte Ärzte ohne Grenzen, dass zwischen Dezember und Februar in Madaya 49 Menschen an den Folgen von Mangelernährung gestorben sind. Sie gehen davon aus, dass die Dunkelziffer jedoch wesentlich höher liegt. Einige Einwohner sind in ihren Häusern verhungert ohne medizinische Versorgung zu erhalten. Die sogenannten medizinischen Konvois und Rettungswagen, die Sie im Fernsehen sehen, sind eine Farce , meint Bassel. Glauben Sie, dass das ausreicht, um alle diese hungrigen Menschen zu retten? Ich habe die Kinder mit eigenen Augen gesehen - nur noch Haut und Knochen mit geschwollenen Bäuchen. Ein Freund vermittelte Bassel den Kontakt zu einem Schlepper, der ihn aber schließlich sitzen lässt. Ich habe ihm $2200 bezahlt, wofür ich die Möbel und Gegenstände im Laden verkauft hatte, den ich einmal geführt hatte. Glücklicherweise gelang es mir, einen Teil der Summe zurückzubekommen. Ich wandte mich dann an einen weiteren Schlepper, dem ich alles gab, was mir geblieben war. Vierzehn Tage später - als ich die Hoffnung aufgegeben hatte - riefen sie mich an und sagten, die Zeit sei gekommen. Ich habe mein Haus verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Ich hatte nur Ausweise.

Syria

In dieser Nacht vom 7. Februar waren sie acht, die ihr Glück versuchten. Die Straße war voller Anti-Personen-Minen. Wir marschierten in einer Reihe. , sagt Bassel. In der Dunkelheit gelang es uns eine Armee-Blockade in 50 Metern Ferne unbemerkt zu umgehen. Wir hatten Glück - bei diesem sechsstündigen Marsch wurde niemand verletzt. Im Morgengrauen erklommen wir einen Berg. Nach weiteren sechs Stunden fanden wir eine Höhle, in der wir die Nacht verbrachten. Am nächsten Tag habe ich bei den Einwohnern der Grenzregion geschlafen. Am Tag danach erreichten wir den Libanon. Bassel möchte die Details dieses Abenteuers nicht verraten, um diejenigen nicht zu gefährden, die in Zukunft dieselbe Fluchtroute wagen wollen. Diese Reise kostete ihn $3.000. Der Libanon sollte nur ein Zwischenstopp für diesen Familienvater sein, der um jeden Preis versucht, durch die Türkei nach Deutschland einzureisen. Diese Option ist jedoch sehr kompliziert, da viele europäische Länder Flüchtlinge nicht mehr passieren zu lassen. Kürzlich hat die Türkei die Europäische Union aufgefordert, dasselbe zu tun.Bassel hat das Gefühl, in einem Freiluftgefängnis im Libanon zu leben, wo er sich aus Angst vor einer Verhaftung kaum ins Freie traut. Ich möchte einfach nur in die Türkei, um nach Europa zu gelangen und mit meiner Familie wieder vereint sein, beharrt er. In der Zwischenzeit kontaktierte er den Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge Kontakt, um sich als Asylsuchender einzutragen und zu versuchen, Zuschüsse zu erhalten. Heute ist Bassel nach einer zermürbenden und gefährlichen Reise mit einem Lastwagen endlich in Berlin angekommen. Wir trafen uns an der VHS-Sprachschule, wo er uns einen Teil seiner intensiven Geschichte erzählte. Shared Frame erzählt sie gerne mit Musik und Bildern.Das erste Video entstand nach der Wiederentdeckung meiner Videoaufnahmen von einer Reise nach Syrien (Aleppo und Hama) in 2010, kurz vor dem Krieg. Zu dieser Zeit lebte ich in Istanbul und beschloss, meinen Mitbewohner und seine Familie in Dörtyol (Hatay) zu besuchen, nahe der syrischen Grenze. Kurz darauf nahm ich meinen Rucksack und kam in Aleppo an. Ich verbrachte ungefähr eine Woche in Syrien und drehte einige Videos, ohne zu ahnen, dass hier nur wenige Monate später ein Krieg ausbrechen würde. Nachdem ich das Shared Frame-Projekt gestartet hatte, beschloss ich dieses Video zu kreiern, das dem syrischen Volk Anerkennung zollt und eine der vielen Geschichten erzählt, die mit diesem Krieg und der Zerstörung der Städte zusammen hängen.

five